Leseprobe

Die Jahre, die mich formten

An einem heißen Sommertag im Juli 1970 erblickte ich das Licht der Welt.  An vieles aus meiner frühen Kindheit erinnere ich mich kaum noch. An meinen ersten Kindergartentag dagegen bis heute. Ich war drei Jahre alt, als mich meine Mutter in den Kindergarten brachte. Schon beim Betreten des Gebäudes spürte ich, dass ich hier nicht bleiben wollte. Vielleicht war es wegen der kühl gefliesten Umkleide oder wegen des stechenden Geruchs der Toiletten, der sich bis heute in meiner Erinnerung gehalten hat. Vielleicht war es aber auch einfach das Gefühl, plötzlich an einem fremden Ort zu sein. Ich weiß nur noch, dass in mir alles danach schrie, wieder nach Hause zu wollen.

Anfang der siebziger Jahre wurden die Kindergärten oft noch von Ordensschwestern geführt. So auch meiner. Mit ihren schwarzen Kutten und den weißen Hauben wirkten sie auf mich wie Gestalten aus einer anderen Welt. Ich weis nur noch, ich hatte schreckliche Angst vor ihnen. Sie schickten meine Mutter kurzerhand nach Hause und schlossen die Tür von innen ab. Es geschah alles so blitzschnell, dass ich gar nicht begriff, was gerade geschehen war. Ich glaube, ich hatte als Kind in dieser Situation zum ersten Mal Panik. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich bitterlich weinte, mich von meiner Mutter verlassen fühlte in einer kalten, fremden Umgebung, in der ich nicht bleiben wollte.

Erst eine ganze Zeit später änderte sich die Atmosphäre im Kindergarten grundlegend. Die Leitung wurde von einem privaten Träger übernommen und die Ordensschwestern gingen in ihren wohlverdienten Ruhestand. Für mich fühlte es sich an, als würde mit einem Mal ein Tor in eine neue Welt geöffnet. Es gab keinen streng überwachten Mittagsschlaf mehr, dafür Weihnachts- und Faschingsfeiern, zu denen wir verkleidet kommen durften.

Ich habe bis heute ein Foto, auf dem mich meine Mutter als kleiner Zwerg in den Kindergarten bringt. Wenn ich dieses Bild heute sehe, entdecke ich wieder das Lachen, das mir am ersten Kindergartentag so gründlich vergangen war. Auch die Spielsachen und Bücher wurden ausgetauscht. Zwischen all den neuen Büchern zog mich eines immer wieder magisch an: ein buntes Kinderbuch über Raketen und Raumfahrt. Ich konnte stundenlang darin blättern und mir in meiner Fantasie vorstellen, wie so eine Rakete wohl funktionieren könnte und wie Menschen ferne Welten erkunden. Ich weiß sogar noch wie ich versucht habe, auch anderen Kindern das Buch schmackhaft zu machen, so begeistert war ich von diesem Bildband. Rückblickend muss ich heute schmunzeln, weil sich schon im Kindergarten meine Begeisterung für Technik mehr als deutlich zeigte.

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